Freitag, 13. November 2009

Up

Reise ins Ungewisse (denn das GPS macht bald den Abflug): Der Rentner Carl (Stimme von Ed Asner) und der Pfadfinder Russell (Stimme von Jordan Nagai) fliegen mit einem Haus nach Südamerika, wo die Abenteuer nur auf sie warten.

6 Sterne

Pixar zu kritisieren ist nicht einfach. Das Studio produziert einen Hit nach dem anderen und ist zweifellos marktführend in Sachen Animationsfilme. Seit ihrem ersten Langspielfilm, dem revolutionären Toy Story (1995), sind fast 15 Jahre ins Land gegangen und die digitalen Techniken wurden um ein Vielfaches verfeinert. Doch allen Filmen liegt stets etwas zugrunde, was man, besonders bei Filmen, die Erwachsene und Kinder ansprechen, immer seltener zu sehen bekommt: Herz. Pixar biedert sich nicht mit leicht vermarktbaren Figuren an - obwohl Cars und Finding Nemo hin und wieder mit diesem Vorwurf zu kämpfen haben - und nimmt seine Zuschauer ernst. Dadurch haben die Filme von Pixar immer eine gewisse Reife an sich, die Streifen der Konkurrenz wie Open Season oder Ice Age eher vermissen lassen. Und trotzdem bleiben die Stoffe kindgerecht. Nun haben die Produzenten des legendären Studios ihren neusten und wohl erwachsensten Streich bisher auf die Zuschauer losgelassen: Up. Gibt es diesmal etwas zu kritisieren? Kaum.

Es mag einem etwas gewagt erscheinen, einen Film, der in erster Linie die Geschichte eines Rentners, der mit einem Haus nach Südamerika fliegt, als erwachsen zu bezeichnen. Aber ist es nicht die Albernheit, die, in Verbindung mit den reifen Zügen, Pixars Filme ausmachen? Ist Toy Story, hintergründig ein Märchen über Akzeptanz und das Geniessen eines Zustandes, solange er da ist, nicht voll mit witzigen, ja albernen Possen? The Incredibles ist ebenso gespickt mit Absurditäten und bleibt deswegen trotzdem eine ironische Hommage an das Amerika, das seine erfundenen Helden über alles liebt. Auf genau diese Weise ist Up ein animierter Abenteuerspass für Kinder einerseits, eine Geschichte über Loslassen und das Meistern von neuen Aufgaben für Erwachsene andererseits. Dabei wissen die Regisseure Pete Docter und Bob Peterson das Ganze meisterhaft wiederzugeben. Die Gratwanderung zwischen melancholisch-langsamem und zügigem Erzählton ist hervorragend gelungen. Und Petersons Drehbuch ist ein Musterbeispiel für professionelle Dramaturgie. Up wird exzellent erzählt und macht aus einer recht simplen Grundidee mehr als man hätte erwarten können. Auch die Charakterzeichnung - ein wichtiger Punkt, da der Film vor allem von seinen Figuren vorangetrieben wird - überzeugt zu 100%. Der an Spencer Tracy angelehnte Rentner Carl, der von einem herrlich grummligen Ed Asner gesprochen wird, und der kleine Russell, überzeugend synchronisiert von Jordan Nagai, sind Figuren, die direkt aus dem Leben gegriffen zu sein scheinen. Beide sind weder reine Kunstfiguren noch weit hergeholt. Es sind echte Menschen, die ein unglaubliches Abenteuer bestreiten. Carl hat mit der modernen Welt zu kämpfen (in der es auch Platz für einen Auftritt des Pixar-Kultsprechers John Ratzenberger gibt), obwohl er stur in der Vergangenheit lebt und sich nicht dazu entschliessen kann, zu neuen Ufern aufzubrechen, während Russell verzweifelt die Anerkennung sucht, die ihm seine Eltern nicht geben. Der Antagonist, Charles Muntz, stimmlich virtuos wiedergegeben von einem hervorragenden Christopher Plummer, hat einen etwas spektakuläreren Hintergrund, doch auch er hängt grundsätzlich einem Traum nach - offenbar ein Leitmotiv des Films. Zwar bewegen sich Muntz' intelligente Hunde mit ihren überzeichneten Fähigkeiten gefährlich nahe an der feinen Linie, welche die stilvolle Albernheit von der simplen Lächerlichkeit trennt, doch angesichts der ersten zehn Minuten des Films sind diese kleinen Probleme vergeben und vergessen. Die Eingangssequenz gehört nämlich zum Bewegendsten, was Pixar je auf die Leinwand gebracht hat. Der Anfang von Up ist - Verzeihung, wenn es abgedroschen klingt - schlicht und ergreifend perfekt. Carl sieht sich als Kind einen Bericht in einer Wochenschau an. Er ist tief beeindruckt und findet kurz darauf die Liebe seines Lebens, Ellie. Was folgt, sind zehn Minuten reinste Filmmagie. Ein häusliches und eigentlich ganz alltägliches Leben flimmert über die Kinoleinwand und dürfte so manchem Zuschauer eine Träne entlocken. Dieses Kabinettstück von einer Anfangssequenz wird im Abspann nochmals aufgegriffen. Gewidmet ist der Film nämlich "the real life Carl and Ellie". Wer das sein soll, wird nicht verraten. Eine denkbare Antwort wäre, dass Up all jenen Leuten gewidmet ist, die ein Leben ausserhalb von Konvention und Norma führen, ein Leben, das von Abenteuern, auch wenn man sie nur in seinen Gedanken erlebt, getrieben ist. Inspirierende Leute, die aber gleichzeitig auch wissen, dass das grösste Abenteuer das Leben selbst ist.

Up lebt von seinen Figuren, der fantasievollen Story und den realitätsnahen Themen, die angeschnitten werden. Wie immer bei Pixar bleibt auch das Prinzip der Freundschaft nicht aussen vor. Carl und Russell, ein überaus seltsames Paar, entwickeln auf eine glaubwürdige Art und Weise eine freundschaftliche Beziehung, die beiden das gibt, was ihnen bis anhin gefehlt hat. Doch beide merken auch, dass es auf der Welt mehr als nur die eigenen Probleme gibt. Ihr gemeinsames Eintreten für den etwas naiven Hund Dug, gesprochen von Bob Peterson (!), und den wunderbar einfältigen Riesenvogel Kevin, ein Weibchen nota bene, wird auf eine charmante, augenzwinkernde, aber zugleich auch ernstzunehmende Weise geschildert, einer Weise, die andere Disney-Filme schon seit Jahren nicht mehr richtig hinbekommen haben.

Auf der Animationsebene scheint Up nach WALL•E auf den ersten Blick ein Rückschritt zu sein. Sieht man aber genauer hin, dann stellt man fest, dass Up im Prinzip nichts anderes ist als ein animierter Zeichentrickfilm, während der Teil von WALL•E, der auf der Erde spielt, sich eher als animierter Realspielfilm verstand. Die Menschen, die darauf erschienen waren aber merklich weniger souverän gemacht als die Menschen in Up. Insbesondere die Augen und die Gesichtsausdrücke der Menschen wurden merklich verbessert. Und auch die bewegungsreichen Szenen und die Panoramaaufnahmen zeigen einmal mehr, dass die Crème de la Crème der Animatoren bei Pixar unter Vertrag stehen.

Abgerundet wird der Film durch einen stimmigen Score, der gute Chancen auf einen Oscar hat. Michael Giacchino, ein Multitalent, wenn es um Filmmusik geht, wusste Up mit passender und zuweilen auch mitreissender Musik zu versehen - Kompliment.

Es hat keinen Sinn, die Negativpunkte von Up hervorzuheben. Es wäre bloss Haarspalterei. Pixars neustes Werk mag vielleicht nicht perfekt sein und nicht ganz an Monsters, Inc. und Toy Story herankommen, aber es reicht ganz nah an die Bezeichnung "Meisterwerk". Einmal mehr wurden die grossen Konkurrenten ausgestochen und Pixar dürfte bei einem Oscar-Hattrick (drei Siege hintereinander) nicht überrascht sein - und das Publikum nicht verärgert. Doch kann Up von den nächsten Filmen des Studios getoppt werden? Toy Story 3 (2010), Cars 2 (2011), The Bear and the Bow (2011) und Newt (2012) stehen uns in den nächsten Jahren ins Haus. Und überall scheint es mit viel Fantasie zuzugehen. Na, da freuen wir uns aber!

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